Wie auf Schienen


Wenn es (mal nicht) läuft

 Lesezeit: circa 5 Minuten


Hach, wie schön habe ich mir den heutigen Tag ausgemalt. Ich werde ganz entspannt während der Zugfahrt nach Hamburg über das Thema »Flow« schreiben. Dieses Gefühl, wenn es wie auf Schienen läuft. Ich stelle mir vor, wie ich im Zug sitze, mich von Entspannungsmusik über meine Kopfhörer inspirieren lasse und einfach drauflosschreibe. Wie die Worte von allein auf dem Bildschirm erscheinen werden. Ganz selbstverständlich und locker.

Die Realität sieht anders aus. Ich sitze in einem vollkommen überfüllten Großraumwagen zwischen Koffern und Reisetaschen. Die Sitzreihen sind eng und mein Sitz ist hart wie eine Pritsche. Die Geräuschkulisse ist ohrenbetäubend. Der Zug hat keine Klimaanlage. Stattdessen lassen sich die Fenster einen Spaltbreit öffnen. Der Fahrtwind peitscht durch die Fenster und durchbricht jedes Wort. Die Fahrgäste müssen sich fast anschreien, um sich unterhalten zu können. Ich habe Kopfschmerzen und mein Nacken ist verspannt. Ich kann mich auf nichts konzentrieren und starre immer wieder auf die Uhr. Wir sind spät dran. Der Flow ist gerade so fern wie der Zug dem Zielbahnhof.

Ein paar Stunden zuvor blinzelt die Sonne über das Bahnhofsvordach. Ganz allmählich zeigt sie sich und verteilt ihre Wärme. Ein herrlicher Tag kündigt sich an. Die Sonne verströmt eine Herzlichkeit, die ich an diesem Morgen sehr gut gebrauchen kann. Sie lässt die graue Bahnhofskulisse in einem warmen Licht erstrahlen. Ich kann diesen wundervollen Moment nicht richtig genießen. Auf dem Bahnhofsvorplatz herrscht emsiges Treiben. Menschen sitzen wartend auf ihren Koffern oder versuchen sich irgendwie abzulenken. 

Eines haben wir heute alle gemeinsam: Wir warten. 

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Salamitaktik


Im Minutentakt kommen weitere Menschentrauben am Bahnhof an. Auf der gegenüberliegenden Baustelle lädt ein Lkw seine Lieferung ab. In Berlin wird ständig etwas Neues gebaut. Und dennoch herrscht gerade ein Stillstand, der für dieses Land ungewöhnlich ist. Die Bahn streikt. Genauer gesagt die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Wir weichen an diesem Morgen im August auf einen Mitbewerber der Bahn aus. Laut Fahrplan fährt an diesem Vormittag exakt ein Zug nach Hamburg. Immerhin. Die Tickets haben wir bereits vorab umgebucht. Auf dem Weg zum Bahnsteig kommt die Info per SMS, dass der Zug circa 30 Minuten Verspätung hat. Großartig. Wir warten weiter.

Immer wieder geht der Blick aufs Smartphone. Ich werde ungeduldig und will Gewissheit darüber haben, wann der Zug endlich kommt. Die Verspätung summiert sich. Erst 30 Minuten. Dann sind es 60 Minuten. Mittlerweile warten wir bereits 120 Minuten. Zwei Stunden, in denen ich nichts anderes getan habe, als zu warten. Wir sind überglücklich, dass an diesem Streiktag überhaupt ein Zug nach Hamburg fährt. Und dennoch will sich keine Freude einstellen.

Die Salamitaktik ist stressig. Die regelmäßige Aktualisierung der Verspätung hindert mich daran, irgendetwas Produktives zu tun. Ich hätte während der Wartezeit einen neuen Blogbeitrag schreiben können. Hätte ich. Ich bin geistig nicht dazu fähig. Ich fühle mich wie gelähmt. Ich habe keinen Einfluss auf die Verspätung. Das zermürbt mich. Nach zweieinhalb Stunden Wartezeit rollt der Zug in den Bahnhof ein. Ganz entspannt, als wäre nichts gewesen.

Mir fällt es schwer, die Situation anzunehmen, wie sie nun mal ist. Ich hatte einen Plan und der geht an diesem Vormittag nicht mal ansatzweise auf. Meine Stimmung ist am Tiefpunkt. Ich bin unzufrieden mit mir selbst. Dabei habe ich keinen Einfluss darauf, ob der Zug pünktlich ist oder nicht. Mir wird auf der Fahrt nach Hamburg bewusst, wie sehr ich versuche, genau das zu beeinflussen. Ich habe keine Kontrolle über die Fahrpläne. Ich kann eine technische Störung am Zug nicht verhindern. Ich kann den Zug nicht selbst fahren. 

Ich kann all das nicht akzeptieren. Das macht es so stressig für mich.

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Ich spüre, wie mein innerer Antrieb nach Führung und Struktur nicht bedient wird. Ich will Einfluss haben und selbst entscheiden können. Ich fühle mich in solchen Situationen hilflos und führungslos. Ich bin auf Menschen und Technik angewiesen und vertraue darauf, dass alle Prozesse ineinandergreifen und es einfach läuft.

Es ist, wie es ist


Wir wollen oftmals zu viel auf einmal und konzentrieren uns nicht auf den Moment. Die Verspätung hat mich so sehr eingenommen, dass meine Gedanken nicht mehr frei fließen konnten. Ich habe mich selbst blockiert. Wenn wir es schaffen, den Fokus auf eine Sache zu lenken, entsteht daraus ein stärkeres Bewusstsein für die Situation. Die Akzeptanz hilft uns, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Ob ich, wie in meinem Beispiel, mit einer oder zwei Stunden Verspätung am Ziel ankomme, macht letztendlich keinen großen Unterschied. Entscheidend ist der Umgang mit der Situation.

Was hat das nun alles mit Flow zu tun? Ganz einfach. Der Flow entsteht, wenn wir uns auf eine Sache konzentrieren und unser Umfeld für eine gewisse Zeit ausblenden können. Wenn wir die Zeit vergessen und in unserer Arbeit aufgehen, entsteht daraus eine Leichtigkeit. Die Arbeit erscheint nicht aufgezwungen und erfüllt uns aus tiefstem Herzen. Wir denken nicht an morgen und haben keine Zukunftsängste. Wir gehen vollkommen auf in dem, was wir in diesem einen Moment tun. Wenn wir im Flow sind, erzielen wir Ergebnisse, an die wir vor Beginn der Arbeit nicht zu denken gewagt haben.

Wir überschätzen gerne unsere Leistungsfähigkeit und unterschätzen unsere Produktivität.

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Das Ergebnis kann uns positiv überraschen. Es passiert, dass wir viel mehr geschafft haben, als wir ursprünglich geplant hatten. Wenn Menschen im Flow sind, erreichen sie einen Zustand der vollkommenen Ruhe und Fokussierung. Nichts kann sie stören oder ablenken. 

Auf der Fahrt nach Hamburg wird mir bewusst, wie sehr ich mich an diesem Vormittag habe ablenken lassen. Wie unzufrieden ich mit der Situation war und dadurch letztendlich nicht bei mir selbst geblieben bin. Ich war zu stark im Außen und verhinderte den Blick nach innen. Ich wollte unbedingt etwas Produktives tun und verkrampfte dabei. Ich konnte es nicht einfach geschehen lassen.

Als der Zug im Zielbahnhof einrollt, ist der Ärger über die Verspätung fast vergessen. Ich bin dankbar für diese Erfahrung und bin glücklich, angekommen zu sein. Und beim nächsten Mal wird es für mich wie auf Schienen laufen. Verspätung hin oder her.

Impulse für mehr Achtsamkeit


Akzeptieren


Du kannst die Situation oftmals nicht ändern. Akzeptiere, was in deinem Leben geschieht. Positiv wie negativ. Du hast keinen Einfluss auf den Lauf der Zeit. Du darfst ihn dennoch dankbar annehmen. Das Leben ist immer für dich.

Reagieren


Wenn du die Situation akzeptiert hast, kannst du entsprechend reagieren. Es gibt immer einen Plan B im Leben. Spüre in dich hinein, schau, wie dein Unterbewusstsein reagiert und welche Signale dir dein Körper sendet. Ersetze blinden Aktionismus durch intuitives Handeln.

Fokussieren


Versuch nicht dein ganzes Leben auf zwei Händen zu jonglieren. Leg den Fokus auf das, was dir wirklich wichtig ist. Alles andere kann warten. Das Gefühl des Flows entsteht, wenn du dich einer Sache mit Leidenschaft widmest.