Unter vier Augen


Ein Blick, der tief blicken lässt

 Lesezeit: circa 5 Minuten


Ein flüchtiger Moment. Eine Momentaufnahme. Nichts Besonderes. Wir kennen uns und dennoch kreuzen sich unsere Wege nur selten. Wir gehen uns aus dem Weg. Tagein. Tagaus. Wir haben uns nicht viel zu sagen. Wir können uns nicht in die Augen sehen. Die Blicke sind oftmals auf den Boden gerichtet.

Wen sehe ich?

Ein flüchtiger Moment. Ein stummer Ruf nach Anerkennung. Ein Griff der ins Leere führt. Eine Berührung, die keine ist. Ich spüre die Nähe und dennoch bleibt die Distanz. Alles bleibt flüchtig. Alles bleibt ohne eine Verbindung. Alles bleibt kalt und unerhört.

Wen sehe ich?

Ein flüchtiger Moment. Eine Unachtsamkeit, die Achtsamkeit schafft. Wir bleiben stehen. Wir verharren im Moment. Wir schauen uns irritiert an. Die Blicke auszuhalten stresst uns. Wir werden nervös. Wir wollen das nicht. Wir mustern unser Erscheinungsbild. Innerlich lästern wir übereinander. Mein Herz pocht immer schneller. Die Hände werden schweißig.

Wen sehe ich?

Ein flüchtiger Moment. Ein Blick, der tief blicken lässt. Wir bewegen die Lippen ohne zu sprechen. Wir gestikulieren ohne das Gesicht zu bewegen. Wir kennen uns. Wir wissen viel übereinander. Die Augen wollen das nicht. Die Blicke wandern immer wieder zur Seite. So weit weg, wie nur irgendwie möglich. Wir wollen gehen ohne uns zu verabschieden. Wir halten das nicht länger aus. 

Wen sehe ich?

Ein flüchtiger Moment. Ein Moment der nicht enden will. Wir stellen uns unseren tiefsten Ängsten und Sorgen. Wir weinen gemeinsam. Wir sprechen uns aus. Wir reden offen über den Schmerz und die Trauer. Wir reden über unsere Träume und den Wunsch nach einem sorglosen Leben. Wir verstehen einander. Wir lieben einander. Wir sind dankbar füreinander. 

Mein Spiegelbild. Das sehe ich.

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Gezeichnet vom Leben


Ich konnte mich viele Jahre nicht selbst im Spiegel betrachten. Ich wusste nicht, wer ich bin. Wen sah ich? Einen Mann der mitten im Leben stand? Ich stand mitten im Leben. Es fühlte sich nur nicht nach meinem Leben an. Ich war mir selbst fremd und fühlte mich wie ferngesteuert. Die Menschen um mich herum gaben mir Ratschläge und wollten das ich so werde wie sie. Im Rückblick waren es liebevoll gemeinte Hilfestellungen, die mich letztendlich nur noch mehr verunsicherten. 

Ich versuchte mich an das Leben meiner Mitmenschen anzupassen. Ihnen ging es augenscheinlich gut. Ihr Verhalten zu kopieren konnte nicht falsch sein. Ich passte meinen Lebensstil an um dazuzugehören. Ich ging auf Partys und verbrachte viele Nächte in den Clubs dieser Stadt. Nächte in denen ich lieber schlafen wollte. Mein Körper sehnte sich nach Erholung während mein Ego auf der verzweifelten Suche nach Anerkennung war. 

Ich wollte nicht das Tanzbein schwingen. Ich wollte lieber Schäfchen zählen. 

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Ich ignorierte die Hilfeschreie meines Körpers und machte unverändert weiter. Ich kam nicht zur Ruhe und verlor die Verbindung zu mir selbst. Die eigenen Bedürfnisse rückten zunehmend in den Hintergrund. Ich lebte für die anderen. Ich wusste nicht, wie ich mein Leben leben wollte und ich wollte die Wahrheit nicht akzeptieren. Ich wollte meinen Istzustand nicht wahrhaben.

In meiner Wahrnehmung war ich nicht krank. Ich hatte alles um mich herum, was mich glücklich machte und dennoch war ich tief im Herzen ein einsamer und depressiver Mensch. Ein Mensch, der kein Selbstbewusstsein besaß und nicht fähig war sich selbst im Spiegel zu betrachten. 

Wer war der Mann, der gesehen werden wollte? Wer wollte ich damals sein und wer bin ich heute? Was hat meine psychische Krankheit über viele Jahre überdeckt und vor mir selbst versteckt? Wie sehr habe ich meine Mitmenschen verletzt um mich selbst zu schützen?

Geblendet vom Leben


Der Blick in den Spiegel offenbart die schonungslose Wahrheit. Wir können vor uns selbst weglaufen und dennoch holt uns die Realität irgendwann ein. Unser Spiegelbild lässt sich nicht abschütteln oder austauschen. 

Was wir sehen ist unser Leben. Ein Leben, welches gelebt werden will.

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Der Blick in den Spiegel kann ängstlich oder wütend machen. Die Enttäuschung über uns selbst gibt uns keinen Grund länger in den Spiegel zu schauen. Wieso sollen wir uns selbst hinterfragen? Wieso sollen wir uns selbst quälen? 

Es geht weniger um die Bewertung sondern vielmehr um die Beobachtung. Wenn wir uns ständig kritisch betrachten, vergleichen wir uns unterbewusst mit anderen Menschen. Wie viele Menschen sind wirklich zufrieden mit ihrem Äußeren? Wir haben immer etwas an uns auszusetzen. Die Nase ist schief, die Ohren sind zu groß und die Haut wird immer faltiger.

Wir wollen nichts Positives an uns selbst wahrnehmen.

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Stattdessen suchen wir nach Argumenten, durch die wir uns klein und unbedeutend machen. In Wirklichkeit sind wir einzigartige Individuen. Der Blick in den Spiegel ist für jeden von uns anders. Jeder Mensch besitzt körperliche Merkmale, die ihn einzigartig machen. Wenn wir es schaffen den Perfektionismus abzulegen und das umperfekte in unserem Gesicht und an unserem Körper zu akzeptieren werden wir langfristig glücklicher und zufrieden sein. Wir lösen uns von der gesellschaftlichen Stigmatisierung und lieben uns so, wie wir sind. Bodyshaming ist vor allem in Zeiten der Digitalisierung zu einem gesellschaftlichen Problem geworden. In den sozialen Medien werden Menschen für ihr Aussehen beleidigt. Wie soll ein positives Lebensgefühl entstehen, wenn wir den Frust über das eigene Leben an unseren Mitmenschen auslassen?

Im persönlichen Austausch nimmt die Kommunikation stetig ab. Die Digitalisierung sorgt zunehmend dafür, dass wir nicht mehr fähig sind uns länger als zwei Sekunden in die Augen zuschauen. Erst kürzlich lief ich an einer Bar in meinem Kiez vorbei und konnte nur mit dem Kopf schütteln. Vier Männer, vier Drinks, vier Smartphones, null Blickkontakt. Warum trifft man sich in einer Bar um sich nicht anzuschauen geschweige denn miteinander zu reden?

Die sozialen Medien verblenden uns den Blick auf das wahre Leben.

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Ich habe den Eindruck, dass wir immer weniger mit den Problemen der anderen zu tun haben wollen. Die bunte Flimmerwelt im Internet ist sorgenfrei und immer positiv. Die Menschen sind augenscheinlich glücklich und zeigen sich an den tollsten Orten dieser Welt. Wir wollen uns viel lieber mit ihnen über Social Media verbinden und verbunden fühlen, als das wir uns die Probleme unserer Mitmenschen anhören und ihnen wirklich helfen wollen.

Es ist einfacher ein Like zu vergeben, als einem Menschen seine Aufmerksamkeit zu schenken.

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Impulse für mehr Achtsamkeit


Aussprechen


Stell dich vor einen Spiegel und sprich für ein paar Minuten mit dir selbst. Sprich offen darüber, was dich bedrückt und was du dir gerne einmal selbst sagen willst. Sprich aus, was ausgesprochen werden will. Du bist TOLL!

Anerkennen


Betrachte deinen Körper und erkenne die Einzigartigkeit an dir. Du besitzt keine Makel. Du bist schön, so wie du bist. Schließe Frieden mit deinem Aussehen und zeige dich von deiner natürlichsten Seite.

Halten


Dem nächsten Menschen, dem du begegnest, schaust du während des Gesprächs in die Augen. Das Smartphone bleibt in der Tasche. Du konzentrierst dich auf dein Gegenüber und beobachtest, was dabei mit dir im Inneren passiert.