Stress im Fünfminutentakt


Zurückbleiben, bitte!

 Lesezeit: circa 7 Minuten


Die Anzeigetafel gibt mir zwei Minuten, um die nächste U-Bahn zu erreichen. Zwei Minuten entscheiden über Sieg und Niederlage. Werde ich den Anschluss schaffen und mein Ziel planmäßig erreichen oder werde ich kläglich scheitern und die U-Bahn verpassen? 

Mein Atem ist schwer. Auf den Schultern lasten die Sorgen des absolvierten Arbeitstags. Der Rucksack ist voll mit internen Konflikten, nicht beendeten Aufgaben, einem Laptop im Stand-by-Modus und einer leeren Schnittchenbox. 

Ich bin gestresst. Alle um mich herum wirken gestresst.

Someone famous

Mit jeder Treppenstufe meldet sich mein Nacken zu Wort. Ihm reicht es genauso wie mir. Habe ich schon gesagt, dass ich gestresst bin? Ich will nur noch nach Hause, und das möglichst schnell. Weg aus dem Sog der Großstadt hinein in meinen Rückzugsort. Warten ist keine Option. Ich muss den Anschluss einfach schaffen. 

Mein Gang wirkt unnatürlich. Es ist eine Mischung aus Gehen und Rennen. Der Weg, der die beiden U-Bahnsteige miteinander verbindet, ist menschengeflutet. Aus beiden Richtungen strömen sie aufeinander zu. Jeder versucht jedem auszuweichen. Es ist unfassbar laut, obwohl sich kaum jemand eines Blickes würdigt.

»Woher kommt der Lärm?«, frage ich mich.

Es wirkt so, als hätte niemand Zeit. Alle hetzen von einem Ort zum anderen. Und das in möglichst kurzer Zeit. Die Hektik steckt an. Ich passe mich der Geschwindigkeit der anderen an. Ein gestresster Geschäftsmann überholt mich. Ich muss noch schneller laufen. Die U-Bahn könnte jeden Moment einfahren. Normalerweise sind zwei Minuten zu knapp, um die U-Bahn zu erreichen. Die tägliche Routine lässt mich zu dieser schmerzlichen Erkenntnis gelangen. Aber das ignoriere ich heute.

Challenge accepted


Ich sehe die U-Bahn bereits im Bahnhof stehen. Jetzt wird sich entscheiden, ob ich als Gewinner den Bahnsteig verlasse oder nicht. Nur noch eine letzte Treppe trennt mich und die anderen Fahrgäste vom ersehnten Ziel. Ich habe die roten Rücklichter der U-Bahn fest im Blick. Die Türen am letzten Wagen stehen offen. Dann schallt die Ansage über den Bahnsteig, die keiner hören will.

»Zurückbleiben, bitte!«
»Auf gar keinen Fall! Warten ist keine Option«, denke ich mir.

Um mich herum hat sich ein Rudel von Gleichgesinnten gebildet. Wir wollen alle einsteigen. Dann schallt es erneut über den Bahnsteig:

»Zurückbleiben, hab ick jesagt!«
»Jetzt erst recht, mein Freundchen. So einfach machen wir es dir nicht«, sage ich mir heroisch.
 
Wie eine Horde Möchtegern-Usain-Bolts sprinten wir auf die offene Tür im letzten Wagen zu. Das rote Warnlicht leuchtet auf und die Tür schließt sich. Ich drehe meinen Körper gekonnt ein und schiebe mich durch die Tür. Das Rudel hat sich spürbar verkleinert. Einige haben es nicht geschafft. Frustriert stehen sie auf dem Bahnsteig und gestikulieren mit eindeutigen Handbewegungen in Richtung Zugführer. 

Der letzte Wagen ist voll. Die Fahrgäste stehen dicht an dicht. Mich treffen ein paar eindeutige Blicke von Menschen, die wenig Verständnis für meine Waghalsigkeit aufbringen. Aber das ist mir egal. Hauptsache, ich habe die U-Bahn bekommen. Wenige Sekunden nachdem der Zug den Bahnhof verlassen hat, ertönt eine Lautsprecherdurchsage: 

»Eine Info für alle zugestiegenen Fahrgäste: ›Zurückbleiben, bitte‹ gilt auch für Zurückgebliebene!«
»Was für ein Arsch. Der kann froh sein, dass ich seinen Arbeitsplatz bezahle und nicht schwarzfahre. Was ne Pfeife«, fluche ich innerlich.

Mit jeder Station wird die U-Bahn voller. Es steigen gefühlt weniger Menschen aus als ein. Vor allem in den letzten Sekunden vor der Abfahrt tauchen immer wieder Menschen in der Tür auf. An einem Bahnhof wird ein junger Fahrgast beim Versuch, in die U-Bahn einzusteigen, in der Tür eingeklemmt. Nur mit Mühe kann er sich aus der Tür befreien. Die anderen Fahrgäste stehen desinteressiert daneben und bedanken sich mit ihren Blicken dafür, dass sich die Weiterfahrt erneut verzögert. Mich eingeschlossen. 

Ich rege mich über jemanden auf, der das Gleiche getan hat wie ich zuvor. Großartig. 

Someone famous

Diese Tatsache wird mir erst sehr viel später bewusst. Viel mehr wiegt die Frustration, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes nicht zügig vorankommen.

Der Zug rollt endlich in meinen Zielbahnhof ein. Ich schiebe mich mit den anderen Menschen durch die schmale Tür hinaus auf den Bahnsteig. Die große Uhr neben der Anzeigetafel zeigt mir schweigend, dass ich nicht ganz pünktlich bin. Ich habe mein Ziel erreicht. Leicht verspätet und frustriert. Mir schmerzen die Beine und die Last des Arbeitstags in meinen Rucksack ist auch nicht leichter geworden. Auf dem Weg zum Ausgang kommen mir hetzende Menschen entgegen. Als ich die Treppenstufen hinaufsteige, höre ich es noch aus dem Lautsprecher schallen. 

»Zurückbleiben, hab ick jesagt!«

Storytelling


Warum stressen wir Menschen uns nach der Arbeit zusätzlich? Wieso entscheiden zwei Minuten darüber, ob wir uns stressen lassen? Wieso lassen wir uns überhaupt fremdsteuern und entscheiden nicht selbst? Es wirkt fast wie eine tägliche Herausforderung im monotonen Alltag. Ein kleiner Nervenkitzel, der anders ist als die Langeweile im Beruf. Der Erfolg gibt uns recht. Wir haben uns das verdient! Und dennoch lassen wir uns viel zu einfach von der Hektik der Menschen um uns herum anstecken. 

Getreu dem Motto: Wenn die anderen das tun, muss es richtig sein.

Someone famous

Ich habe viele Jahre nach diesem Motto gelebt, bis ich meinen Blickwinkel verändert habe. Was wäre, wenn wir einmal ganz bewusst die Perspektive wechseln und uns aus der Masse bewegen und den Heimweg in den öffentlichen Verkehrsmitteln viel bewusster erleben? Wenn wir fähig wären, die kleinen Geschichten des Lebens zu erfahren? Bahnhöfe und Bahnsteige verbinden so viele Menschen miteinander. Sie erzählen im Minutentakt die Geschichten des Lebens. Wir sollten uns viel bewusster auf unser Umfeld und unsere Mitmenschen einlassen und viel mehr beobachten. 

Die kleinen Gesten des Alltags stehen quasi auf jedem Bahnsteig dieses Landes. Sie warten nur darauf, von uns wahrgenommen zu werden. Beobachte doch einfach mal die Menschen, die mit dir auf dem Bahnsteig stehen. Was machen sie? Die Mehrzahl erliegt leider der Versuchung des Smartphones. Aber es gibt immer Ausnahmen. 

In Berlin gibt es zum Beispiel zahlreiche Touristen, die versuchen einen Weg durch das Verkehrslabyrinth zu finden. Fahrradfahrerinnen oder Fahrradfahrer, die nach einem Regenschauer durchnässt auf dem Bahnsteig stehen und hoffen, mit ihrem Fahrrad einen Platz in der nächsten U-Bahn zu bekommen. Gruppen von Teenagern, die es kaum erwarten können, ihre neuesten Einkäufe bei Instagram und TikTok zu präsentieren. Straßenmusiker, die ihre Kunst ausleben und endlich mal für Stimmung auf dem Bahnsteig sorgen. 

Privatsphäre


Was macht es mit dir, wenn du diese Menschen in deiner Stadt beobachtest? Wie fühlt sich das an? Hast du das Gefühl, in die Privatsphäre dieser Menschen einzudringen, oder verspürst du ein Gefühl von Gemeinschaft? Wie stark bist du mit den Menschen um dich herum wirklich verbunden? 

Würdest du gerne auf die Touristen zugehen und ihnen helfen? Du könntest gleichzeitig dein eingestaubtes Englisch, Spanisch oder Italienisch auffrischen und würdest für deine Unterstützung mit einem Lächeln belohnt werden. 

Wäre es nicht großartig, auf den völlig durchnässten Fahrradfahrer oder die Fahrradfahrerin zuzugehen und deine Hilfe anzubieten? Du könntest dabei behilflich sein, einen Platz für das Fahrrad im nächsten Zug zu finden. Und ich bin mir sicher, dass er oder sie sehr dankbar dafür sein wird. 

Das sind nur zwei Beispiele, die dir deutlich machen sollen, dass weitaus mehr Empathie auf deutschen Bahnsteigen zu finden ist, als es die meist stillschweigende Atmosphäre vermuten lässt. Oftmals braucht es nur einen ersten Schritt. Einen Schritt, der manch Außenstehenden schon mal verwundern kann. Im Grunde wollen wir alle wertgeschätzt und geliebt werden. Wir sollten diese Möglichkeit nicht übersehen, indem wir auf eine sich schließende Tür zurennen. 

Denn mit jedem Moment der Achtsamkeit öffnet sich irgendwo eine neue Tür.

Someone famous

Impulse für mehr Achtsamkeit


Schalte einen Gang zurück

Laufe ganz bewusst langsamer als die anderen Menschen um dich herum. Konzentriere dich auf dein ganz persönliches Schritttempo und beobachte dich dabei. Korrigiere dein Tempo, wenn du merkst, dass du unbewusst wieder schneller wirst.

Nimm dir Zeit


Nimm dir Zeit, deine Umgebung wahrzunehmen, und verweile auf dem Bahnsteig. Lass ganz bewusst eine oder mehrere Bahnen aus. Du entscheidest selbst, wann du einsteigst und wann du deine Fahrt beginnen willst. Du entscheidest, in welchem Tempo du an dein Ziel gelangen willst.

Beobachte dein Umfeld


Das Leben spielt sich immer um dich herum ab. Beobachte Menschen in der Öffentlichkeit. Schau dir an, was sie tun und wie sie sich verhalten. Und wenn du das Gefühl hast, einem Menschen deine Hilfe anbieten zu können, dann zögere nicht, es auch zu tun. Du wirst fast immer dafür belohnt.