Ich will nicht mehr kämpfen


Ausgeknockt vom eigenen Druck

 Lesezeit: circa 5 Minuten


Ich habe das Ziel fest vor Augen. Mein Gesicht ist angespannt. Ich tänzele um dich herum und versuche deine Bewegungen zu deuten. Deine Schwäche ist mein Sieg. Ich schwitze. Mein Puls rast. Um uns herum herrscht eine Geräuschkulisse, die mein eigenes Atmen übertönt. Ich werde dich besiegen. Ich werde dich mit einem entscheidenden Schlag zu Boden bringen. Ich werde als Sieger aus dem Ring steigen und im Jubel der Zuschauer untergehen. 

Du grinst mich nur an. Du stehst über allem und hast den Kampf unter Kontrolle. Du weißt, dass du keinen Fehler machen wirst. Du bist unbesiegbar. Den Sieg kann dir niemand nehmen. Du weißt, dass du nicht viel brauchst, um mir diesen einen Schlag zu verpassen. Diese eine Bewegung, die mich zu Boden befördern wird. Du weißt ganz genau, was zu tun ist, damit ich nicht wieder aufstehen werde. Du weißt ganz genau, dass ich verlieren werde.

Ich habe dich durchschaut. Ich habe dich in den letzten Runden ausgiebig studiert. Ich nehme allen Mut zusammen und öffne meine Deckung. Meine Schlagkombination führt ins Leere. Einmal. Zweimal. Dreimal. Mein Plan geht nicht auf. Verzweifelt beginne ich wie wild um mich zu schlagen, um dich doch noch zu treffen. Ich darf nicht scheitern. Ich darf nicht verlieren. 

Du hast schon fast Mitleid mit mir. Du empfindest den Kampf mit mir als lächerlich. Ja du belächelst mich. Du blickst einmal lässig zum Publikum, bevor du ausholst und mich mit deiner Rechten voll im Magen triffst. Einmal. Zweimal. Dreimal. Du siehst mich durch den Ring taumeln, bis ich endgültig zu Boden gehe. Du steigst auf die Ringseile und lässt dich von den Menschen feiern. 

Der Blick nach oben verbirgt die Realität um mich herum. Für einen Moment bin ich allein mit mir. Der Schmerz lässt keine Bewegung zu. Mir wird schwarz vor Augen. Der Druck hat mich besiegt. Er wusste es von Anfang an. Ich hatte keine Chance. Meine intensive Vorbereitung war nutzlos. Die schlaflosen Nächte. Die rastlosen Tage. Alles war nur auf das eine Ziel ausgerichtet. Den Druck zu besiegen. Endgültig.

In diesem entscheidenden Kampf wollte ich endlich die innere Ruhe finden und mich als Gewinner fühlen. Ich wollte alles im Leben erreichen und nun liege ich hier. Wie ein Häufchen Elend, ausgeknockt vom eigenen Druck. Von dem Gefühl, immer performen zu müssen. Immer ans Limit gehen zu müssen.

Ich fange an zu weinen und treffe eine Entscheidung. Ich rapple mich auf und verlasse den Ring. Das weiße Licht der inneren Ruhe führt mich zum Ausgang. Das Publikum buht mich erbarmungslos aus. Die Wut begleitet mich zum Ausgang. Ich schaue nur noch nach vorne und lasse den Druck hinter mir.

Ich will nicht mehr kämpfen.
Ich will ich sein. 
Ich will leben.

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Leistungsdruck


Jahrelang habe ich nur performen wollen. Immer wollte ich gesehen werden und zeigen, was ich konnte. Ich definierte mich über meine Arbeit und wollte für meine Leistungen anerkannt werden. Alles musste immer noch besser sein als bei der Konkurrenz. Die Gestaltung war noch nicht herausragend genug. Die Idee war noch nicht ausgefeilt genug. Die Präsentation war noch nicht überzeugend genug. Das Verlangen nach dem Unbekannten trieb mich jahrelang an.

Auf der Suche nach diesem einen Moment der Zufriedenheit wollte ich immer mehr und bekam immer weniger. 

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Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wer das Tempo der anderen nicht mitgeht, wird zurückgelassen. Wer dem Druck nicht standhält, fühlt sich ausgeschlossen. Liest man sich zum Beispiel heutzutage Stellenanzeigen aus der Kreativbranche durch, bekommt man den Eindruck, dass die Agenturen ein gesamtes Team statt einer einzelnen Person suchen. Aber nein. Sie suchen genau dich! Diesen einen Menschen, der ihren Anforderungen gerecht wird. Der mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit die Arbeit mehrerer Kolleginnen und Kollegen übernehmen kann. Kein Thema. Easy going. Es mag diese Menschen geben. Ich bin es jedenfalls nicht.
 
Die Digitalisierung trägt ihren Teil dazu bei. Wer sich dem technischen Wandel verschließt, droht den gesellschaftlichen Anschluss zu verlieren. Wer die neuesten Social-Media-Trends versäumt, ist nicht auf der Höhe der Zeit. Die Welt verändert sich täglich und wir bekommen immer mehr das Gefühl, nicht hinterherzukommen.

Wir verlieren die Verbindung zu uns selbst.

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Erwartungsdruck


Woher kommt diese Erwartungshaltung? Dieses Bedürfnis, ständig mitzuhalten? Die Antwort ist ganz einfach: Wir vergleichen uns. Wir kennen genügend Menschen, die unbewusst dafür sorgen, dass wir uns klein und unbedeutend fühlen. Egal, ob wir diese Menschen persönlich kennen oder nicht. Wir vergleichen uns mit ihnen. Und das ständig. 

Wir entwickeln ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Warum sollte genau ich der oder die Richtige für diesen Job sein? Die anderen sind doch viel besser! Warum sollte genau ich für meine Kunden das passende Produkt anbieten können? Das gibt es doch alles schon!

Stell dir bewusst die Frage, was du vom Leben erwartest. Wir wissen oftmals gar nicht, wie wir leben und arbeiten wollen. Wir handeln unbewusst und orientieren uns am Leben der anderen. 

Wenn die anderen das so machen, muss das doch für mich auch funktionieren.

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Und welche Erwartungen haben andere an mich? Wir glauben, dass unsere Mitmenschen von uns abhängig sind. Dass wir für sie da sein müssen, wenn sie uns brauchen. Dass wir unsere Eltern im Rentenalter pflegen und uns liebevoll um sie kümmern müssen. Alles richtig und wichtig. Die Frage ist nur, in welchem Umfang. Was erwarten Familie, Freunde und Verwandte von uns? Wie sehr glauben wir zu etwas verpflichtet zu sein, ohne die Verpflichtung zu kennen?

Ausdruck


Was kann dir helfen, mit dem eigenen Druck besser umzugehen? Was ist es, was dich und dein Leben zum Ausdruck bringt? Erkenne, was dich von innen antreibt. Die Kenntnis deiner intrinsischen Motivation lindert langfristig den Druck, der durch die Erwartungen an das eigene Leben entsteht. Wieso? Wieder ganz einfach: Durch das Wissen über deine inneren Antreiber verstehst du, was dich aus tiefstem Herzen antreibt. 

Du wirst verstehen, was dir wirklich Freude im Leben bereitet und was dich stresst. Die äußeren Einflüsse (die extrinsische Motivation) sind der Nährboden für den Leistungsdruck, dem wir uns täglich ausgesetzt fühlen. Durch das Wissen über deine inneren Antreiber entscheidest du darüber, was du täglich säst und was du erntest. 

Entscheide dich für dein Leben und bring dich und deine Fähigkeiten zum Ausdruck.

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Impulse für mehr Achtsamkeit


Eine Sache


Erledige immer nur eine Aufgabe, nicht mehrere gleichzeitig. Multitasking stresst dich und führt dich nicht schneller zum Ergebnis. Der Mensch ist nicht fähig, mehrere Aufgaben effektiv gleichzeitig zu erledigen.

Eine Frage


Wie willst du leben? Nimm dir Zeit für dich und finde es heraus. Sei ehrlich zu dir selbst und finde eine klare Antwort. Ein achtsameres Leben kann nur entstehen, wenn du weißt, wie du überhaupt leben willst.

Ein Leben


Jeder von uns wird sterben – wir wissen nur nicht, wann. Sei dir stets klar darüber, dass du nur dieses eine Leben besitzt. Geh achtsam mit deiner Lebenszeit um und tu die Dinge, die dir wirklich Freude bereiten.