Sie wussten es nicht besser


Die Schuldgefühle der Vergangenheit

 Lesezeit: circa 7 Minuten


Die Türen blieben oft verschlossen. Die Gedanken und Gefühle ebenfalls. Wir hatten uns nicht viel zu sagen. Wir hatten mit uns selbst zu tun. Mit »Wir« ist meine Familie gemeint. Eine Familie, die es so in der Gegenwart nicht mehr gibt. Als Kind und Jugendlicher wollte ich meinen Eltern immer etwas mitteilen, doch ich konnte es nicht. Wie gerne hätte ich ihnen einfach gesagt, wie großartig sie waren. Wie fürsorglich sie mit mir umgingen. Wie toll sie sich um mich und meinen Bruder kümmerten. 

Ich konnte es nicht. Ich spürte es nicht.

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Meine Kindheit und Jugend waren von Einsamkeit geprägt. Ich kommunizierte nicht viel mit meinen Eltern. Sie kamen nicht an mich heran und ich wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Schämte ich mich für meine Eltern? Nein. War ich stolz auf meine Eltern? Nein. War ich glücklich? Nein. Ich war in meiner kleinen Welt gefangen.

Ich hatte eine Familie um mich herum, die ich als solche nicht wahrnahm. Ich wusste nicht, wie ich mit meinen Eltern kommunizieren sollte. Mit meinem Bruder prügelte ich mich mehr, als dass wir vernünftige Gespräche führten. Meine Lippen blieben stumm. Ich zog mich lieber in mein Zimmer zurück, als zu reden.

Ich wollte das nicht.

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Note »Ungenügend«


Und heute. Die Gegenwart lässt mich wehmütig werden. Ein Gefühl von Schuld breitet sich in mir wie ein überlaufender Wassereimer aus. Da ist etwas, was gesagt werden will. Eine Mischung aus Reue und Demut. Ich kann die Vergangenheit nicht rückgängig machen. Ich kann traurig in die Vergangenheit blicken. Nur bringt mich diese Einstellung im Leben weiter? Nein. Ich habe gut zu schlucken, wenn ich mein Verhalten in der Vergangenheit aus heutiger Sicht reflektiere. Wenn ich mir ein persönliches Zeugnis für den Umgang mit meiner Familie ausstellen würde, stünde darin die Note »Ungenügend«.

Ich bin durchgefallen. Ich habe versagt.

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Ich sitze in der Gegenwart nach, um die Vergangenheit ändern zu wollen. Ich versuche die Dinge zu korrigieren, um mich wohler zu fühlen. Um mein Zeugnis zu verbessern. In der Hoffnung, dass es mir dann innerlich besser geht. Was sind meine Erwartungen an das Leben? Wie kann ich gegenüber meiner Familie anders agieren, ohne mich in Schuldgefühlen zu wälzen? Wie kann ich die Vergangenheit abhaken und nach vorne blicken? Die Schuldgefühle lasten schwer auf meinen Schultern. Diese Zeilen zu schreiben ist keine Selbstverständlichkeit. Meine Eltern und mein Bruder sind großartige Menschen. Sie verdienen meinen vollen Respekt für das, was sie bisher geleistet haben.

Die Bühne des Lebens


Meine Eltern haben uns zu einer Zeit großgezogen, in der es kein Internet gab. Sie hatten nur sich, Verwandte, Arbeitskolleginnen und -kollegen und Freunde, um sich über Probleme auszutauschen. Google gab es nicht. Lösungen waren früher nicht mit einem Mausklick zu finden. Dinge zu verändern, brauchte viel mehr Zeit. Und vor allem brauchte es eine direktere Kommunikation, als es heute der Fall ist. Sie schöpften aus dem Wissen, das ihnen ihre Eltern mitgegeben hatten in der Hoffnung, dass es genügt, um mich und meinen Bruder auf das Leben vorzubereiten. Heute kann ich sagen: Sie wussten es nicht besser.

Meine Eltern haben uns eine wirklich großartige Kindheit ermöglicht. Wir hatten getrennte Zimmer, trugen saubere Kleidung, hatten jede Menge Spielzeug und jeden Tag drei Mahlzeiten auf dem Tisch. Und dennoch fehlte etwas. Die Liebe. Die Zuneigung. Die Empathie. Das Gefühl der Verbundenheit blieb hinter den Türen verschlossen. Womöglich trauten sich meine Eltern auch nicht, ihre eigenen Gefühle richtig zuzulassen. Sie wollten selbst geliebt werden und konnten sich das gegenseitig nicht zeigen. Ich konnte ihre bedingungslose Liebe nicht annehmen und sie konnten mir dieses Verlangen nicht vermitteln. Heute kann ich sagen: Sie wussten es nicht besser.

Meine Eltern haben uns einen wichtigen Zugang zu Wissen und Bildung ermöglicht. Mein Bruder und ich sind keine dummen Menschen. Ich habe das Abitur mit Ach und Krach bestanden, meine anschließende Ausbildung mit Bestnoten abgeschlossen und bin direkt ins Arbeitsleben eingetaucht. Mein Bruder hat zwar kein Abitur und dennoch hat er einen ähnlichen Werdegang für sich erfolgreich gemeistert und steht mit beiden Beinen erfolgreich im Berufsleben. Meine Eltern haben sich sehr oft zurückgenommen, um uns die große Bühne des Lebens zu ermöglichen. Mein Vater wollte, dass ich aufs Gymnasium gehe, damit etwas aus mir wird. Sie haben uns das Wissen vermittelt, das ihnen angebracht erschien. Sie lehrten uns das Leben auf ihre einzigartige Weise. Heute kann ich sagen: Sie wussten es nicht besser.

Meine Eltern haben immer an uns geglaubt. Sie erkannten, welche Fähigkeiten in uns schlummerten. Meine Mutter war es, die aufgrund einer Zeitungsanzeige dafür sorgte, dass ich einen Beruf erlernte, der zu mir passte. Ich hatte keine Ahnung, was ich nach der Schule machen wollte. Ihr Mutterinstinkt ermöglichte mir meine Zukunft. Und auch mein Vater erkannte durchaus, was mir Spaß machte und was nicht. Sie waren keine dummen Menschen. Sie wollten immer nur das Beste für uns. Heute kann ich sagen: Sie wussten es nicht besser. 

In der Gegenwart bleibt die Kommunikation mit meinen Eltern und meinem Bruder bruchstückhaft. Wir reden miteinander. Wir treffen uns, wenn auch selten. Und wenn wir uns treffen, dann nicht als Familie. Einen gemeinsamen Austausch wird es nicht mehr geben. Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, gab es ihn noch nie. Damals blieben die Türen verschlossen. Irgendwann war die Zeit reif und die Türen öffneten sich ein letztes Mal. Der Abschied war lautlos. Jeder geht mittlerweile seinen eigenen Weg. Das respektiere ich. Ich kann heute über viele Dinge mit meinen Eltern reden. Einige Themen fallen mir dennoch schwer.

Es ist keine Selbstverständlichkeit, über Selbstverständliches zu reden.

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Impulse für mehr Achtsamkeit


Sei kommunikativ


Die Familie ist ein Verbund des Vertrauens. Lerne offen mit deinen Eltern über deine Gefühle und Ängste zu reden. Sie sind deine engste Verbindung und werden dir zuhören, wenn du dich ihnen anvertraust.

Sei herzlich


Jeder Mensch verdient, respektvoll behandelt zu werden. Begegne jedem Menschen mit einer Herzlichkeit und nimm ihn so an, wie er oder sie in dein Leben tritt. Die Verbundenheit mit deinen Mitmenschen, und ganz besonders mit der eigenen Familie, stärkt deine Achtsamkeit.

Sei dankbar


Mach dir klar, wie gut es dir geht. Viele Dinge sind für uns vollkommen selbstverständlich geworden. Wir verlernen, Wertschätzung zu zeigen. Egal ob auf materieller oder menschlicher Ebene. Mach dir täglich bewusst, wie kostbar dein Leben ist und wie dankbar du für die Menschen um dich herum sein darfst.