Kalorien am laufenden Band


Wir essen, was wir sehen

 Lesezeit: circa 8 Minuten


Zielstrebig steuern ich und ein paar Freunde das kleine, unscheinbare Sushi-Restaurant an. Die Umgebung wirkt lieblos. Die Häuser könnten mal wieder einen Anstrich vertragen. Die Sitzbank am Straßenrand eignet sich maximal noch als Brennholz für ein Lagerfeuer. Verweilen kann man auf ihr nicht mehr. Das wollen wir auch nicht. Die Blumenbeete an der Straße schreien, genauso wie wir, nach Nahrung. Wir haben Hunger!

Eine schmale Tür zeigt uns den Eingang ins Restaurant. Der Eingangsbereich ist mit Kisten vollgestellt. Ein paar Männer laden hektisch einen parkenden Transporter aus. Die Lieferkette scheint niemals abzubrechen. Es muss schnell gehen. 

Im Schaufenster des Restaurants sitzt eine dieser typischen Winkekatzen und buhlt unablässig um Kunden. Das Restaurant selbst ist sehr spartanisch eingerichtet. Graue Fliesen ebnen uns den Weg zum Tresen. Die kitschigen Bilder an den Wänden können den maroden Zustand nicht ansatzweise kaschieren. Es riecht alt und muffig. Aus den Lautsprechern schallt asiatische Musik. Ich verstehe kein Wort. Es dudelt nur so vor sich hin. Aber egal. Wir haben Hunger!
 
Am Tresen angekommen schleife ich meinen Barhocker über den Fliesenboden. Das fürchterliche Quietschen erinnert mich an einen Zug, der im Bahnhof zum Stehen kommt. Hinter dem Tresen steht ein kleiner asiatischer Mann mit faltigem Gesicht und grauem Haar. Seine Bewegungen wirken absolut einstudiert und routiniert. Er ist die Ruhe selbst. 

Warum sitzen wir in einem Restaurant, das augenscheinlich nicht den besten Eindruck macht? Sollen die Speisen hier außergewöhnlich gut sein? Der Grund ist viel banaler. Wir brauchen nicht mal eine Speisekarte, um uns zu entscheiden, was wir essen wollen. Wir haben unsere Wahl bereits getroffen.

ALL YOU CAN EAT – 14,90 €!!!

Someone famous

»Jawohl! Sushi am laufenden Band und essen, so viel ich will. Besser geht es nicht«, jubele ich mir innerlich zu.

Stapelweise


Um den Tresen schlängelt sich ein Laufband, auf dem das Sushi in mundgerechten Portionen seine Runden dreht. Der Sushi-Meister hinter dem Tresen verlädt in kurzen Intervallen das Essen auf kleine Teller und bringt es auf den Weg zu den hungrigen Gästen. Ich komme mir vor wie auf einem Containerbahnhof. 

Als das erste Sushi gemächlich an mir vorbeifährt, ist die Versuchung groß. Ich habe richtig Hunger. Aber ich bin wählerisch. Der zweite oder dritte Teller könnte ja besser sein. Aber was, wenn jemand vor mir sich bereits das beste Stück genommen hat? Auf der gegenüberliegenden Seite sitzen zwei Asiaten, eingerahmt von flachen Türmen aus Tellern. Sie scheinen sich schon ordentlich am Sushi-Band bedient zu haben.

Ich schnappe mir den nächstbesten Teller, tunke das Sushi in Sojasoße und stopfe es mir in den Mund. Meine Backen plustern sich auf wie bei einem Hamster. Noch bevor ich das erste Sushi heruntergeschluckt habe, greife ich zum nächsten. Das Sushi-Band liefert pünktlich neuen Nachschub. Ich stapele meine Teller stolz vor mir auf. Mit jedem Teller wächst der Turm. Mein Blick wandert immer wieder auf die gegenüberliegende Seite. Der Turm der zwei Asiaten ragt mittlerweile beachtlich in die Höhe. Beeindruckend! Das Laufband stoppt nicht. 

Ich darf nicht stoppen. Ich muss weiteressen.

Someone famous

Nach gut 20 Tellern ist mein Turm merklich höher geworden. Ob ich satt bin, kann ich nicht einschätzen. Es ist ausreichend Sushi da. Ich esse einfach immer weiter. 

Quittung


Das Tellerstapeln macht mittlerweile keinen Spaß mehr. Jeder weitere Teller bringt den Turm ins Wanken. Ich bin im Ungleichgewicht. Ich habe viel zu viel gegessen. Mir ist unfassbar schlecht. Ich kann das Sushi nicht mehr sehen. Ich will nicht mehr. 

Der Sushi-Meister kennt keine Gnade. Er macht einfach weiter. In vollkommener Ruhe stellt er immer wieder neue Verlockungen auf das Sushi-Band. Ich kann die vorbeifahrenden Teller nicht mehr ansehen. Ich muss mich umdrehen und meinen Blick abwenden. Meine Freunde belächeln mich und essen einfach weiter. Ich dagegen fühle mich schuldig und irgendwie minderwertig. 

War es nötig, so viel zu essen? War es richtig, die Kalorien wie ein Bagger in mich hineinzuschaufeln? Warum stoppt niemand das Laufband und sagt mir, wann ich genug habe? Es stoppt niemand, da ich mich selbst dafür entschieden habe. Ich wollte »All you can eat«, also bekam ich es auch. Ich habe es verdient, mich so beschissen zu fühlen. 

Dieses Gefühl, sich völlig überfressen zu haben, ist die Quittung für das Bedürfnis, den Hunger zu stillen.

Someone famous

Der Kassenbon ist überschaubar. Viel steht nicht drauf. Aber das schlechte Gefühl wiegt deutlich schwerer. So schwer wie die Menge Reis und Fisch, die ich gegessen habe. Ich bezahle meine Rechnung, schleife den Barhocker erneut über den Boden und quäle mich förmlich aus dem Restaurant. Der Lieferwagen ist mittlerweile verschwunden. Was bleibt, sind ein voller Magen und ein schlechtes Gewissen. 

Bottomless Bowls


Wieso wissen wir nicht, wann wir wirklich satt sind? Dazu gibt es ein interessantes Experiment von Brian Wansink von der University of Illinois at Urbana-Champaign. Er und seine Kolleginnen und Kollegen haben insgesamt 54 Probandinnen und Probanden auf einen Teller Suppe eingeladen. 

In dem wissenschaftlichen Experiment wollte Wansink herausfinden, wie sich die visuelle Wahrnehmung des Essens auf das Sättigungsgefühl auswirkt. Denn was die Hälfte der Probandinnen und Probanden nicht wusste: Ihre Teller waren manipuliert. 

Über einen Schlauch am Tellerboden wurde die Suppe immer wieder nachgefüllt. Alle Probandinnen und Probanden hatten augenscheinlich das Gefühl, die gleiche Suppenmenge zu essen. Doch in Wahrheit aß die Gruppe mit den manipulierten Tellern 73 Prozent mehr Suppe als die Gruppe mit den normalen Tellern. Eine Dreiviertelportion mehr! 

In der abschließenden Befragung wurde deutlich, dass sich die Gruppe mit den Nachfülltellern nicht satter als die andere Gruppe fühlte, obwohl sie fast doppelt so viele Kalorien zu sich genommen hatte. Wansink sagt, dass der Mensch sich mehr an der Menge orientiert, die er vor sich stehen sieht, als auf seinen Magen und sein Bauchgefühl zu hören. 

Betrachtet man die Evolution, ist nachvollziehbar, dass wir in der Vergangenheit das Essen, das uns vorgesetzt wurde, stets komplett vertilgten. Die wertvolle und knappe Ressource wollte bis auf den letzten Krümel genutzt werden. In der Gegenwart dürfen wir dieses Verhalten allerdings hinterfragen.

Es geht weniger um Lebensmittelverschwendung als darum, die Fähigkeit zu entwickeln, einen Teller auch mal stehen zu lassen, wenn wir satt sind.

Someone famous

Die Erfahrung mit »All you can eat« aus meiner Vergangenheit zeigt mir, wie visuell der Mensch geprägt ist. Wir denken nicht nach, wie viel wir essen und wie viele Kalorien wir überhaupt benötigen. Wir handeln einfach. Wenn das Sushi kontinuierlich in meinem Sichtfeld ist, greife ich immer wieder zu, obwohl der Magen längst voll ist. Das ist das gleiche Verhalten, wie es das Experiment von Brian Wansink gezeigt hat.

Über den Tellerrand geschaut


Schaut man sich in der Welt um, entdeckt man sehr schnell große kulturelle Unterschiede. In den USA sind die Portionen deutlich größer als in Europa oder gar in Asien. Fettleibigkeit ist seit Jahren ein riesiges Problem in den USA. Essen ist Volkssport und wird im großen Stil zelebriert und im Fernsehen übertragen.

Im Juli 2021 stellte der Amerikaner Joey Chestnut einen neuen Weltrekord im Hotdog-Wettessen auf. Am amerikanischen Nationalfeiertag verschlang er 76 Hotdogs in zehn Minuten. Das ist ein Hotdog in unter acht Sekunden! Ein Rekord, der wahrscheinlich im nächsten Jahr erneut überboten werden wird.

Die Esskultur in Japan zum Beispiel könnte kontrastreicher nicht sein. Die Schalen und die Portionen sind viel kleiner. Schlürfen ist ausdrücklich erlaubt und dient als wertschätzende Geste in Richtung des Kochs. Ebenso lässt man in Japan bewusst etwas Brühe in der Schale übrig und drückt damit aus, dass man ausreichend gesättigt ist. Diese Art der Ernährung trägt zur hohen Lebenserwartung der Japaner bei.

Impulse für mehr Achtsamkeit


Qualität statt Quantität


Die Qualität deiner Nahrung trägt zur Qualität deines Lebens bei. Sich bewusst für hochwertigere Lebensmittel zu entscheiden, lässt dich achtsamer mit dir selbst und unseren Ressourcen umgehen. Eine gesunde und nachhaltige Ernährung im 21. Jahrhundert ist mit fast jedem Geldbeutel möglich.

80 Prozent


Wenn du dir eine Mahlzeit zubereitest, dann koche ganz bewusst weniger als gewohnt. Mit 80 Prozent bist du satt genug und bist im Anschluss weniger müde. Kleinere Schalen oder Teller können dir helfen, ein besseres Gefühl für die richtige Portionsgröße zu finden.

Hör auf deinen Bauch


Dein Bauchgefühl hilft dir zu erkennen, ob du wirklich satt bist oder nicht. Stell dir immer die Frage, ob du das, was du gerade isst, wirklich brauchst, um dich gut zu fühlen. Spüre in dich hinein und nimm die Signale aus deinem Körper an. Er ist dein bester Koch.