Ich bin platt


Warum ich für eine Reifenpanne dankbar bin

 Lesezeit: circa 7 Minuten


Der Wind lässt die Muskeln spielen. Heute hat er wenig Mitleid mit mir und lässt mich richtig in die Pedale treten. Meine Frau Daniela lässt sich entspannt im Windschatten mitziehen. Ich dagegen kämpfe mich Meter für Meter durch die Stadt. Berlin ruht auch an einem Sonntag kaum. Hochbetrieb herrscht heute Mittag vor allem an der Tankstelle. Stoßstange an Stoßstange stehen die Autos und warten auf ein wenig Wellness. Wer sein Auto noch von Hand pflegt, greift zu Staubsauger und Wassereimer. Es wird geschrubbt und poliert. Auf dem benachbarten Parkplatz eines Baumarkts nutzen Familien die Freiflächen zum Inlineskaten, während die Kleinsten mit ihren Bobby-Cars versuchen mitzuhalten. Es ist immer was los. Auch an einem Sonntag. Ein paar Kilometer weiter steht eine Gruppe Kinder vor einer Dönerbude. Es wirkt so, als versuchen sie mit dem Besitzer über den Gegenwert für ihr Taschengeld zu verhandeln. Wir lassen die Gruppe schnell hinter uns und fahren weiter in Richtung Stadtgrenze.

An einer Kreuzung klappert es plötzlich unter meinem Schutzblech. Ich denke mir zunächst nichts dabei. Es scheint alles okay zu sein und ich fahre weiter. Aber weit komme ich nicht. Kurz vor der Berliner Stadtgrenze steige ich ab und prüfe den Hinterreifen. Die Luft ist raus. Total frustriert begutachte ich die Oberfläche des Hinterreifens und finde den Grund. Ein Nagel hat es sich im Reifen so richtig gemütlich gemacht. Er versteckt sich förmlich vor mir, so tief steckt er im Reifen. Ich bin genervt. An der Stadtgrenze gibt es keine Hilfe. An einem Sonntag sowieso nicht. 

Ich tippe eine kurze Nachricht an meinen Vater, um ihm mitzuteilen, dass ich heute nicht mehr kommen werde. Ein Treffen, auf das ich mich sehr gefreut habe. Der Weg zu Fuß wäre von hier aus viel zu weit. Schweren Herzens beschließen wir, umzudrehen und nach Hause zu laufen.

Antriebslos


Der Lärm der Straßen geht mir direkt ins Ohr. Ich will nur noch nach Hause. Der Fußweg beträgt mehr als eine Stunde. Ich fühle mich träge und antriebslos. Vorsichtig fahre ich eine Teilstrecke auf dem platten Reifen, um etwas Strecke gutzumachen. Den Rest gehen wir zu Fuß. Das Wetter spiegelt meinen Gemütszustand wider. Sonne, Wolken und Regenschauer wechseln sich ab. Es ist wechselhaft. Das trifft es ganz gut. Ich habe in den letzten Wochen viel gearbeitet und kann das Ergebnis noch nicht so richtig sehen. Positive Momente werden durch den eigenen inneren Druck immer wieder überlagert so wie die Wolken, die sich an diesem Tag vor die Sonne schieben. Kurz vor dem Ziel erwischt uns noch ein Regenschauer.

Völlig frustriert komme ich zu Hause an, trage mein Fahrrad nach oben in die Wohnung und bin einfach nur platt. Ich spüre mit einem Mal einen Zustand der Erschöpfung, so als wolle mein Körper einfach mal gar nichts mehr tun. Selbst eine Meditation erscheint mir in diesem Moment zu anstrengend. Mir fallen fast die Augen zu. Dabei könnte ich die gewonnene Zeit am Nachmittag doch noch sinnvoll nutzen. Was ist sinnvoll und was ist jetzt wirklich wichtig? 

Ich fühle mich mental erschöpft und habe auf nichts Lust. Ich habe mich wirklich auf den Besuch bei meinem Vater gefreut. Doch so langsam erkenne ich, dass die Reifenpanne ein Zeichen war. Mir in diesem Moment ganz bewusst die Zeit für mich und meinen Körper zu nehmen ist ein Signal, das ich erst durch die äußeren Einflüsse verstehen durfte. Ich wurde zu meinem eigenen Glück gezwungen. 

Ich sollte an diesem Nachmittag nicht unterwegs sein. Ich sollte bei mir sein. Welch ein Geschenk!

Someone famous

Bedingungslos


Ich mache mir einen Tee. Während ich den vertrauten Duft des Tees durch meine Nase strömen lasse, blicke ich aus dem Fenster. Ich merke, wie meine Augen schwer werden und mein Körper nach Ruhe ruft. Nach dem dritten Aufguss schließe ich die Augen und tue einfach nichts mehr. Mir gehen viele Gedanken an die Zukunft durch den Kopf. Erledigungen, Verpflichtungen, Pläne. Alles will getan und gemacht werden. »Stillstand ist der Tod« heißt es doch so schön. Doch genau diesen Stillstand habe ich dem Nagel auf der Straße zu verdanken. Ich sollte heute umdrehen und nach innen blicken.

Und genau das tue ich in diesem Moment. Die Ruhe um mich herum erdet mich. Ich sitze einfach nur da und atme. Ich habe kein Bedürfnis, etwas zu tun. Nach etwas zu streben. Ich strebe nach meinem persönlichen Glück. Und dieses Glück wurde mir offengelegt. Nach einer Weile öffne ich die Augen und bedanke mich für die kleine Auszeit. Ein vierter Teeaufguss rundet diese Pause ab. Eine Pause nur für mich. Im Anschluss komme ich dennoch nicht so richtig in Schwung. Diese kleine Ruhephase genügt nicht.

Es braucht viel mehr als einen kurzen Moment des Stillstands.

Someone famous

Mein Körper hat noch mehr zu berichten. Erneut schließe ich die Augen und mache es mir mit entspannender Musik gemütlich. Die wohltuenden Klänge nehmen mir die Last von den Schultern und lassen die Verantwortung gegenüber der Welt kleiner werden. Ich blicke tief nach innen und erkenne Zerstreuung. Zu viele Dinge, die gleichzeitig getan werden wollen. Alles erscheint wichtig und will meine Aufmerksamkeit.

Zu erkennen, was wirklich wichtig ist, wird mir in der Stille klarer. Auf den Straßen Berlins werden meine Gedanken durch die äußeren Einflüsse übertönt. Zu Hause finde ich die Ruhe, die ich brauche, um wieder Energie zu tanken. Am Ende dieser Ichzeit kann ich wieder lächeln und fühle mich innerlich sortiert. Ich werde die Herausforderungen des Alltags achtsamer wahrnehmen, um zu erkennen, was gerade wichtig ist und was wirklich warten darf. 

Der Schaden an meinem Hinterreifen kann ein paar Tage warten. Meinen Vater will ich nicht lange warten lassen. Ich weiß, dass unser Wiedersehen dann umso schöner sein wird.

Impulse für mehr Achtsamkeit


Immer schön langsam


Wenn du das Gefühl hast, platt zu sein, schalte ganz bewusst einen Gang zurück. Wie bei einem Auto kannst nur du die Geschwindigkeit in deinem Leben regulieren. Sei dir bewusst, welches Tempo du überhaupt gehst. Ist es dein eigenes oder hast du dich unbewusst an dein Umfeld angepasst? Wenn du das Gefühl hast, du kommst nicht mehr hinterher, verlangsame dein Leben. Erlaube dir, langsamer zu sein als die anderen. 

Höre auf die inneren Signale


Mach eine Pause, bevor du deine mentale und körperliche Grenze überschreitest. Die Signale des Körpers sind eindeutig. Wir ignorieren sie nur zu gern und schieben die Schuld auf die anderen. Die Wahrheit bei sich selbst zu suchen und dem Ruf nach Ruhe zu folgen ist ein wichtiger Schritt zu mehr Achtsamkeit im Leben. 

Erkenne deine Energiequellen


Erkenne, was dir in deinem Leben wichtig ist und was nicht. Was brauchst du in diesem Moment? Welche Menschen geben dir Kraft und welche rauben dir deine Energie? Richte dein Leben nach deinen Bedürfnissen aus und entscheide, mit wem du Zeit verbringst und mit wem nicht.