Entschleunigen Sie bitte


Bitte was?

 Lesezeit: circa 7 Minuten


»Entschleunigen Sie bitte.«
»Bitte was?« 
»Entschleunigen Sie für einen Moment.«
»Kennen wir uns? Warum reden Sie so merkwürdig? Sind Sie betrunken?«
»Nein, mir geht es blendend. Ich bin voller positiver Lebensenergie.«
»Aha, den Eindruck habe ich nicht. Sie wirken auf mich eher wie ein Störenfried. Und eigentlich habe ich gar keine Zeit für diesen Nonsens.«
»Welchen Nonsens?«
»Was soll der Blödsinn? Ich habe es wirklich eilig. Mein nächster Termin wartet schon. Ich bin spät dran.«

»Entschleunigen Sie bitte.«
»Okay, passen Sie mal auf. Wir kennen uns noch keine Minute und Sie gehen mir bereits tierisch auf die Nerven. Verraten Sie mir jetzt, was Sie von mir wollen? Ansonsten leben Sie wohl, denn ich habe es wirklich eilig. Ich lasse meine Kunden niemals warten. Ich bin ein pflichtbewusster Unternehmer und hasse es, wenn ich zu spät komme. Pünktlichkeit ist mein oberstes Gebot.« 
»Kommen Sie doch einfach mal zu spät.« 
»Kommen Sie doch einfach mal ein wenig näher, damit ich ihnen eine scheuern kann. Was erlauben Sie sich! Wie können Sie es wagen, über mich zu urteilen. Eine Frechheit. In meiner Branche kommt man nicht zu spät. Wenn Sie mich weiter belästigen, rufe ich die Polizei. Dann werden wir mal sehen, wer hier zu spät kommt. Sie kommen dann jedenfalls pünktlich auf die Polizeiwache.«

»Entschleunigen Sie bitte.«
»Okay, Freundchen. Ich weiß nicht genau, aus welcher Psychiatrie Sie dich entlassen haben. Ich bin wirklich gestresst. Das Taxi stand bereits ewig im Stau. Diese Stadt macht mich fertig. Die Menschen um mich herum gehen mir auf die Nerven. Mir gehen Tausende Gedanken durch den Kopf. Mein E-Mail-Postfach quillt über und auf meinem Schreibtisch stapeln sich die Unterlagen. Ich führe ein durchgetaktetes Leben. Ein Quatschkopf wie Sie passt nicht in meinen Terminkalender.«
»Verstehe. Wann haben Sie einen Termin mit sich selbst?«
»Wie mit mir selbst? Was meinen Sie damit? Termine macht man ausschließlich für andere und nicht für sich selbst. Was für ein Blödsinn. Ein Termin mit mir selbst. Das ist pure Zeitverschwendung!«

»Haben Sie genug Zeit?«
»Nein. Ich habe nie genug Zeit. Jeder will etwas von mir. Ich bin ein sehr gefragter Unternehmer, der weltweit agiert. Ich bin bestens vernetzt und arbeite quasi in allen Zeitzonen dieser Erde. Ich bin ständig unterwegs. Stillstand kenne ich nicht. Ich muss stets über die Entwicklungen auf dem Markt informiert sein, egal wie spät es ist.«
»Wie spät ist es denn?« 
»Hier in Deutschland ist es aktuell 17:52 Uhr. In Shanghai 23:52 Uhr.« 
»Falsch.«
»Wie falsch? Meine Uhr geht immer exakt auf die Sekunde!«
»Ich sage Ihnen, wie spät es ist. Es ist an der Zeit, dass Sie sich Zeit für sich nehmen.«
»Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum ich immer noch hier stehe und meine Zeit mit Ihnen verschwende. Ich brauche keine Zeit für mich selbst. Ich brauche die Zeit für meine Firma und meine Kunden. Das ist mein Motor.«
»Was wäre, wenn der Motor mal ins Stocken gerät?«
»Das wäre die Vollkatastrophe! Alles würde zusammenbrechen. All die ineinandergreifenden Abläufe würden keinen Sinn mehr ergeben. Ich könnte meine Firma in wenigen Wochen zumachen, wenn alles ins Stocken käme. Meine Karriere wäre ruiniert. Ich wäre am Ende.« 
»Was wäre, wenn Sie selbst ins Stocken kämen?«
»Darüber will ich gar nicht nachdenken. Nur ich kann mein Unternehmen richtig führen, sonst niemand. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erledigen die administrativen Aufgaben für mich. Den ganzen Bürokram eben. Ich dagegen bin für die wichtigen Themen zuständig. Nur ich allein bin fähig, meine Kunden glücklich zu machen.« 

»Sind sie glücklich?«
»Meine Kunden? Selbstverständlich! Ich bekomme immer überwältigendes Feedback, die Rechnungen werden sofort bezahlt und ich erhalte regelmäßig Folgeaufträge.«
»Sind Sie glücklich?«
»Das habe ich Ihnen doch gerade erzählt. Hören Sie mir nicht zu?«
»Hören Sie sich selbst zu?«
»Jetzt werden Sie schon wieder frech. Ich höre mir sehr gerne selbst beim Reden zu. Ich finde mich großartig. Ich bin ein geiler Typ!«
»Sind Sie ein einsamer Typ?«
»Einsamkeit kenne ich nicht. Ich bin ständig auf Reisen und immer von Menschen umgeben. Außerdem sprechen mich fremde Menschen an, so wie Sie gerade. Nein, ich bin nicht einsam.«
»Wie gut kennen Sie diese Menschen persönlich?«
»Die meisten habe ich nur ein- bis zweimal getroffen. Wir waren geschäftlich essen oder haben uns abends auf ein Bier getroffen. Menschen kommen und gehen. Ich bin viel unterwegs, da bleibt wenig Zeit für einen intensiven Austausch. Der übliche Smalltalk eben. Heutzutage wird viel über das Internet kommuniziert. Videocalls ersetzen den persönlichen Kontakt. Das ist schade, aber so ist das Leben nun mal. Ich passe mich der Digitalisierung an.«
»Wie gut kennen Sie sich persönlich?«
»Sie lassen nicht locker, was? Ich habe keine Zeit, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Die Firma hat Priorität. Ich lebe, um zu arbeiten, und nicht andersherum. Menschen, die Freizeit haben, vergeuden aus meiner Sicht ihre Zeit. Freie Zeit gibt es bei mir nicht. Und Zeit für mich brauche ich erst recht nicht. Das ist Zeitverschwendung.« 

»Wie viel Zeit bleibt Ihnen noch?«
»Zu wenig. Ich habe das Gefühl, dass ich mit jedem Tag weniger Zeit habe. Mein Terminkalender ist vollgepackt. Jedes noch so kleine Zeitfenster will genutzt sein. Zeit ist kostbar für mich. Ich will erfolgreich sein in dem, was ich tue, und dafür fehlt mir die Zeit. Es ist an der Zeit, dass ich weitergehe. Aber vorher will ich noch schnell wissen, wer Sie überhaupt sind.«
»Haben Sie Zeit, um es sich anzuhören?«
»Nein, eigentlich nicht.«
»Eben. Dann brauche ich es Ihnen nicht zu erzählen.« 
»Wenn ich ehrlich bin, interessiert es mich auch nicht wirklich. Ich habe nur aus Höflichkeit gefragt.«
»Sicher?«
»Ja. Mir ist egal, wer Sie sind und was Sie können. Ich muss jetzt dringend weiter.«
»Ich will Sie nicht aufhalten. Sie sind meiner Aufforderung dennoch unbewusst gefolgt. Sie haben Ihr Leben für einen Moment entschleunigt, ohne es zu merken. Sie haben sich die Zeit für unser Gespräch genommen, obwohl Sie unter Termindruck stehen. Ich danke Ihnen dafür. Haben Sie noch einen stressfreien Tag!«
»Ich habe zwar immer noch keine Ahnung, wovon Sie reden, aber danke.«

Leben wir, um zu arbeiten?


Uns ist oftmals gar nicht bewusst, wie sehr wir durch den Alltag hetzen. Wie sehr wir uns tagtäglich selbst unter Druck setzen, um unsere Ziele zu erreichen. Wie stark der Wunsch nach Leistung und Anerkennung ist und wie schnell wir die Verbindung zu uns selbst verlieren. 

Der fiktive Dialog soll zeigen, wie unterschiedlich die Menschen das eigene Leben wahrnehmen. Wenn wir stets auf unseren eigenen Erfolg bedacht sind, immer mehr erreichen wollen und gar nicht merken, wie einsam es sich an der Spitze anfühlt, verdrängen wir langfristig unsere eigenen Bedürfnisse. 

Wir leben, um zu arbeiten, obwohl es andersherum deutlich lebenswerter ist.

Someone famous

Wenn wir, wie in dem Dialog, auf einen Menschen treffen, der uns etwas von Entschleunigung erzählen will, fehlen uns die Offenheit und das Verständnis dafür. Zugegeben, der Einstieg mit »Entschleunigen Sie bitte« ist von mir bewusst etwas humorvoller gewählt. Sonst erwartet man stets das klassische »Entschuldigen Sie bitte«. Die unkonventionelle Ansprache irritiert und macht gleichzeitig neugierig. 

Menschen, die wie ich ein achtsames Leben führen, treffen auf Menschen, die auf der Karriereleiter immer weiter nach oben wollen. Ich habe nichts gegen Erfolg. Ganz im Gegenteil. Ich selbst strebe nach Erfolg und Anerkennung. Ich definiere Erfolg nur anders. Ich strebe nach innerem Frieden und Ruhe. Materieller Besitz macht mich langfristig nicht glücklich. 

Jeder Mensch definiert Erfolg anders. Ich will vor allem für das »Warum« hinter dem Lebensziel sensibilisieren. Warum streben wir nach Geld und beruflicher Anerkennung? Tun wir dies, um mit anderen Menschen mithalten zu können, oder ist es wirklich unser eigener innerer Antrieb?

Arbeiten wir für andere oder für uns selbst?

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Gib mir, was ich brauche


In dem Gespräch soll deutlich werden, wie sehr wir unser Ego durch unseren Drang nach Erfolg füttern. Wie wir ihm täglich geben, was es verlangt. Wie stark wir unsere inneren Überzeugungen festigen und wie sehr wir die Empathie für unsere Mitmenschen einbüßen. Wir entfremden uns von uns selbst und werden immer mehr zu Egoisten. Wir fühlen uns einsam, obwohl wir ständig von Menschen umgeben sind. Wir fühlen uns depressiv, da wir keine Erfüllung mehr spüren. Das geschieht oftmals unbewusst und über einen längeren Zeitraum. Unser Ego trainiert uns jeden Tag für den angeblichen Erfolg und redet uns ein, was wir wirklich brauchen. 

Die Achtsamkeit hilft uns die eigenen Bedürfnisse besser zu erkennen und Ziele zu definieren, die aus dem tiefsten Herzen kommen. Durch die tägliche Achtsamkeit machen wir uns selbst verwundbar. Wir durchbrechen unsere Glaubenssätze und hinterfragen bestehende Verhaltensmuster.

Durch die Übung der Achtsamkeit erkennen wir, dass wir unser wichtigster Kunde im Leben sind.

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Impulse für mehr Achtsamkeit


Zeit für andere


Nimm dir bewusst Zeit für andere Menschen. Egal ob privat oder beruflich. Konzentriere dich nur auf das Gespräch und nicht auf das, was danach kommt. Die Zukunft ist in diesem Moment des Dialogs unwichtig. Was zählt, ist deine Aufmerksamkeit.

Zeit für dich


Mach dir Termine mit dir selbst. Trag sie in deinen Kalender ein und halte dich daran. Verhalte dich so, als würdest du ein geschäftliches Treffen wahrnehmen. Wie du diese Zeit nutzt, bleibt dir überlassen. Entscheidend ist, dass du die komplette Zeit ausnutzt und es ausschließlich um deine privaten Bedürfnisse geht. 

Zeit für eine Pause


Wann hast du das letzte Mal so richtig pausiert? Wann hast du alles beiseitegelegt, dein Smartphone stumm geschaltet und einfach nur geatmet? Wann hast du mal nichts getan? Ich sage dir, wann es wieder an der Zeit ist: Genau jetzt!