Ein warmes Lächeln


Die morgendliche Dusche

 Lesezeit: circa 4 Minuten


Das Smartphone klingelt pünktlich um 06:06 Uhr. Wie auf Bestellung. Großartig. Auf der Suche nach der Schlummertaste drücke ich wahllos auf dem Display herum. Nach ein paar Sekunden herrscht endlich wieder Ruhe. Wieso habe ich mir den Wecker auf 06:06 Uhr gestellt? 

Ich drehe mich noch einmal um und verkrieche mich unter meiner warmen Decke. Es ist Montag und das Wochenende liegt gefühlt bereits eine Woche zurück. Nach exakt neun Minuten erinnert mich mein Smartphone erneut daran, endlich aufzustehen. Ich würde es am liebsten gegen die Wand werfen. Ich will noch nicht aufstehen. Ich will weiterschlafen.

Durch das offene Fenster höre ich, wie die montägliche Begrüßung vorfährt. Die Müllabfuhr ist pünktlich und teilt ihre Anwesenheit lautstark der gesamten Straße mit. Die Mülleimer scheppern über das Kopfsteinpflaster und der Müllwagen keucht und ackert, was das Zeug hält. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Guten Morgen, Berlin.

Someone famous

Ins Blaue hinein


Ich ergebe mich meinem Schicksal und stehe auf. Mein Nacken schmerzt und meine Augen sind schwer wie ein geschlossener Rollladen. Ich habe definitiv noch nicht für die Menschheit geöffnet. Die Routine führt mich ins Badezimmer. Der kalte Fliesenboden saugt mir die Wärme aus meinen Füßen. Den Blick in den Spiegel spare ich mir. Es ist Zeit für die morgendliche Dusche. Die Badewanne gleicht an diesem Morgen einer Mauer, die es zu überwinden gilt. Die Leichtigkeit fehlt. Ich klettere in die Badewanne, nehme den Duschkopf in die Hand und treffe eine Entscheidung.

Ich drehe den Hebel nach rechts. Auf Anschlag.

Someone famous

Ganz vorsichtig öffne ich den Wasserhahn. Die ersten Tropfen lassen meine Füße zurückzucken. Das Wasser ist kalt. Eiskalt! Ganz behutsam bewege ich den Duschkopf über meine Füße. Ich zittere vor Kälte. Das warme Wasser ist nur eine Handbewegung entfernt. Ich könnte den Hebel einfach in die andere Richtung drehen und alles wäre wie gewohnt. Das Gewohnte, das mich viele Jahre festhielt. Die Veränderung, die ich nicht wollte. Die Routinen, die ich nicht hinterfragte.

Langsam bewege ich den Wasserstrahl an meinen Beinen nach oben. Die Kälte verwandelt sich in Wärme, so als hätte jemand meine Beine bandagiert. Ich werde mutiger und bewege den Duschkopf über die Arme, den Hintern und den Bauch. Das Wasser wird nicht wärmer. Es bleibt eiskalt. Je höher ich mit dem Duschkopf gelange, umso schneller schlägt mein Herz. 

Eine Hürde gilt es noch zu überwinden. Ich hole tief Luft und halte den Atem an. Ich erstarre, als mir das kalte Wasser über den Kopf strömt. Die Kälte umschließt mich und wandelt sich allmählich in eine innere Wärme. Ich kann in diesem Moment an nichts denken. Es geschieht einfach. 

Blaue Lippen


Ich drehe das Wasser ab und greife nach meinem Handtuch. Mich überkommt eine Freude, die ich lange nicht mehr gespürt habe. Ich fange an zu grinsen und schaue in den Spiegel. Kein beschlagener Spiegel vernebelt mir die Sicht. Ich blicke glasklar auf mein Leben und erinnere mich an meine Kindheit. An eine Zeit, in der ich einfach ins kalte Wasser sprang. Egal ob ins Meer oder in den Swimmingpool im Garten meiner Tante. Ich sprang einfach hinein, ohne darüber nachzudenken. Ich weiß noch, wie ich zitternd und mit blauen Lippen vor meiner Mutter stand und sie mir ein Handtuch reichte. Der Blick ging direkt wieder in Richtung Wasser. Aber ich durfte noch nicht wieder hinein. Ich sollte mich erst wieder aufwärmen.

Es ist die Erinnerung an eine Zeit, in der ich noch nicht viel übers Leben nachdachte. Ich hatte keine Verpflichtungen und war einfach nur Kind. Ich entdeckte mich und das Leben und machte meine Erfahrungen. Ich wusste nicht, wie spät es war, wenn ich im Meer herumtobte und mich wieder eine Welle erwischte. Ich schluckte Wasser und tauchte wieder auf. 

Das kalte Wasser meiner morgendlichen Dusche weckt diese Unbeschwertheit in mir. Das Bedürfnis, nicht dauerhaft über mein Leben nachzudenken, sondern die Dinge einfach zu tun. Mir jeden Tag meiner Ziele bewusst zu sein und den nächsten Schritt zu wagen. Und wenn es »nur« der Schritt unter die kalte Dusche ist. An diesem Morgen habe ich bewusst eine Entscheidung getroffen. Ich habe mein Verhalten geändert und zusätzlich das Kind in mir geweckt. Ich bin unfassbar stolz auf mich und schenke mir zum Abschluss dieser kalten Dusche ein warmes Lächeln. Ich habe es getan und ich werde es ab sofort täglich tun. 

Ich bin Kaltduscher.