Ein falscher Klick


Ein Fehler und seine Folgen

 Lesezeit: circa 6 Minuten


Mir ist mulmig. Ich habe das Gefühl, mein Mittagessen dreht eine Ehrenrunde in meinem Magen. Ich kann es nicht genießen. Meine Mittagspause gleicht einem Triathlon. Ich esse mit der linken Hand und recherchiere mit der rechten im Internet. Ich kann nicht in Ruhe essen. Ich habe einen großen Fehler gemacht und ich brauche dafür eine Lösung. Sofort! Ich kann nicht so tun, als wäre nichts geschehen. Mein Magen rebelliert und ich muss immer wieder aufstoßen. Mir drückt der Kopf und ich verspüre mit einem Mal starke Nackenschmerzen. 

Was ist passiert?

Ein paar Tage zuvor habe ich ein großes Projekt erfolgreich abgeschlossen. Ich werde an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen. Ich habe pünktlich alle benötigten Unterlagen abgeliefert. Im Laufe des Projekts sah mein Desktop aus wie ein unfertiges 1.000-Teile-Puzzle. Jede Menge unbenannte Ordner und zig Dateien mit kryptischen Dateinamen zierten meinen Desktop. Ich brauche Struktur in meinem Job, ansonsten bekomme ich Stress. Ein Blick auf den Desktop zeigte mir, wie sehr ich mein Bedürfnis nach Ordnung während des Projekts ignoriert hatte.

Was tat ich? Ich räumte meine Festplatte auf. Alles durfte weg. Ich warf die Dateien genüsslich in den Papierkorb. Zum Abschluss belohnte ich mich selbst und leerte ihn mit einem Klick. Mein Desktop strahlte nach der virtuellen Putzaktion in neuem Glanz. Großartig. Das fühlte sich gleich viel besser an.

An diesem Morgen sind ein paar unerwartete Korrekturen zu erledigen. Nichts Großartiges. Ich öffne meine Projektdatei und merke, dass irgendetwas nicht stimmt. Es fehlt etwas. Um genau zu sein, fehlt mir eine wichtige Verknüpfung. Wieso fehlt die Datei? Ich habe doch alles auf unserem Dateiserver abgelegt und geprüft.

Und exakt in diesem Moment überkommt mich ein ganz schlechtes Gefühl.

Someone famous

Ich laufe in meinem Büro hin und her und könnte heulen. Ich realisiere, dass die Datei, die mir fehlt, in den virtuellen Weiten meines Laptops verschwunden ist. Ich habe sie vor ein paar Tagen selbst gelöscht! Ich habe wochenlang mit der verknüpften Datei auf dem Desktop gearbeitet. Das Back-up auf dem Server ist drei Wochen alt!

Und nun? 

Ich lade während der Mittagspause panisch ein paar dubiose Freeware-Programme herunter, in der Hoffnung, die Datei wiederherstellen zu können. Aber keine Chance. Die Löschung liegt bereits zu lange zurück. Panik bricht aus. Meine Hände werden schweißig und mir ist unfassbar warm. Ich kann nicht klar denken. Hätte ich mal vorher darüber nachgedacht! Ein falscher Klick und mir geht es richtig schlecht. Das kann doch nicht sein. Wieso stresst es mich dermaßen und wieso bekomme ich Angst?

Ich fühle mich in diesem Moment wie ertappt. So als würde ich für etwas erwischt worden sein. Quasi als hätte ich mich selbst eines »Verbrechens« überführt. Ich bin Täter und Opfer zugleich. Was für eine dumme Aktion. Darüber lachen kann ich beim besten Willen nicht.

Wieso passiert ausgerechnet mir das? Und warum genau jetzt?

Someone famous

Ich telefoniere mit dem Kunden und versuche mich zu erklären. Den Fehler einzugestehen, gleicht einer Vorladung bei der Polizei. Der Kunde ist »not amused«, aber er reißt mir deswegen nicht gleich den Kopf ab. Wir finden gemeinsam eine Lösung und ich schaffe es, die Datei bis zum Feierabend zu rekonstruieren. Unter enormem Zeitdruck konnte ich meinen Fehler an diesem Tag korrigieren. Ich habe es wieder mal hinbekommen. Nur für welchen Preis? Mein Körper ist bedient und ich bin platt. Mein Kunde ist glücklich. Ich dagegen bin alles andere als zufrieden.

Im Nachgang


Ich hatte noch mehrere Tage an dem Fauxpas zu knabbern. Ich konnte nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und weiterarbeiten. Die Situation wiederholte sich gedanklich in meinem Kopf. Ich konnte das Geschehene nicht loslassen und abhaken. Ich haderte mit mir und meinem Fehler. 

Was löst es in mir aus, wenn ich einen Fehler gemacht habe? Es ist eine Mischung aus Perfektionismus und Hilflosigkeit. Wenn ich stets darauf bedacht bin, keine Fehler zu machen, entsteht daraus der Drang nach Perfektionismus. Kritisch wird es, wenn dieser Drang zu einer Selbstverständlichkeit wird. Wenn es immer nur darum geht, dass ich perfekt funktionieren soll. Dass ich keinen Fehler zu machen habe.

Ist es nur meine subjektive Wahrnehmung oder geht es vielmehr um den objektiven Blick auf die gegenwärtige Arbeitswelt? Darf sich ein Mensch unter den heutigen Anforderungen an die Arbeit einen Fehler leisten? In meiner Wahrnehmung sind Fehler nicht gern gesehen. Sie sind zu vermeiden und wenn sie passieren, sollen wir sie schnellstmöglich abstellen, damit sie sich nicht wiederholen.

Wieso fühle ich mich als Mensch schlecht, wenn es doch heißt: Fehler sind menschlich?

Someone famous

Aus meiner Sicht kann Neues nur entstehen, wenn wir Fehler machen dürfen. Was würde passieren, wenn auf der Welt keine Fehler gemacht würden? Die Welt würde sich weiterdrehen, aber nicht mehr weiterentwickeln. Veränderung entsteht, wenn etwas frustriert und nicht mehr funktioniert. Und ein Fehler ist wie ein Weckruf für die Veränderung. Ein erster zarter Hinweis auf etwas Großartiges. Ein Missgeschick kann langfristig unser Leben verändern. Viele Erfindungen basieren auf Zufällen. Ein Zufall ist kein Fehler. Dennoch unterliegen beide einer Unkontrollierbarkeit.

Im Winter 1905 machte der US-Amerikaner Frank Epperson einen Fehler, der uns bis heute jeden Sommer versüßt. Er vergaß schlichtweg ein Glas selbst gemachte Limonade mitsamt Löffel auf der Veranda. Am nächsten Morgen war seine Limo gefroren. Er dachte, er habe einen Fehler gemacht, bis er an der gefrorenen Limonade leckte und feststellte, dass sie genauso gut schmeckte wie flüssig. Was daraus entstand, können wir an heißen Tagen überall in der Stadt beobachten. Das Wassereis am Stiel war erfunden.

Nicht im Alleingang


Betrachten wir das Beispiel mit der gelöschten Datei noch von einer anderen Seite. Wieso fühlte ich mich in dem Moment hilflos, als ich meinen Fehler bemerkte? Ich war für mich allein verantwortlich und das fühlte sich nicht gut an. Ich saß allein im Boot und trieb planlos auf dem Meer umher. Ich konnte nicht um Hilfe rufen. Mich hätte niemand gehört. Oder wollte ich nicht, dass mich jemand hörte? Wollte ich vielmehr das Meer allein überqueren? Ich trieb planlos umher und konnte nirgends anlegen, um mir Hilfe zu holen. Ich fühlte mich beobachtet, obwohl ich allein war. 

Das Gefühl, einen Fehler gemeinschaftlich begangen zu haben, ändert die Gewichtung. Die Schwere des Fehlers verteilt sich auf mehrere Schultern. Ein Team geht mit einem Fehler anders um. Die Teammitglieder sitzen gemeinsam in einem Boot und können den Kurs gezielter korrigieren. Im Team herrscht eine andere Fehlerkultur. Sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben bringt niemanden ans Ziel. Einen Fehler innerhalb eines Teams zu korrigieren, fühlt sich insgesamt leichter an. Ich lerne daraus, dass es wichtig ist, große Projekte nicht allein zu stemmen. Der Blick von außen ist wichtig, um den Gesamtüberblick zu wahren, und lindert das Gefühl der Hilflosigkeit.

Impulse für mehr Achtsamkeit


Sprich darüber


Achtsamkeit hat viel mit Offenheit zu tun. Kein Mensch ist perfekt. Gesteh deinen Fehler ein und sprich darüber. Tausch dich aus und reflektiere deine Handlung. Oftmals steckt hinter einem Fehler mehr als nur das bloße Fehlverhalten. Wir sind unkonzentriert und ärgern uns am Ende über uns selbst. Eine offene Fehlerkultur stärkt langfristig dein Selbstvertrauen.

Halte Ordnung


Ein aufgeräumter Arbeitsplatz sorgt für mehr Klarheit. Das gilt fürs Büro und das Homeoffice gleichermaßen. Deine Gedanken sortieren sich, wenn du in einer geordneten Umgebung arbeitest. Auf deinem Schreibtisch sollten sich nur die Unterlagen für deine aktuelle Tätigkeit befinden. Alles andere lenkt ab und macht dich fehleranfälliger. Und wenn du deinen Arbeitsplatz am Abend aufgeräumt verlässt, kannst du ihn am nächsten Morgen mit einem Lächeln wieder begrüßen.

Sichere die Erinnerung


In Zeiten der Digitalisierung ist es enorm wichtig, sensible Dateien regelmäßig zu sichern. Geh achtsam mit deinen Dateien um, und mach dir bewusst, was passieren würde, wenn sie verloren gingen. Schließlich willst du noch lange Freude an deinen schönsten Erinnerungsfotos haben.