Meine Begegnung mit …


… einem ganz besonderen Menschen

 Lesezeit: circa 7 Minuten


Ich habe dich erst gar nicht wahrgenommen. Auf der gestrigen Party waren viele neue Gesichter, aber deines war mir zunächst gar nicht aufgefallen. Ich hatte fast den Eindruck, dass du gar nicht anwesend warst. Du wirktest auf mich sehr abwartend und zurückgezogen. Hattest du Lust auf die Party oder bist du lediglich aus Höflichkeit hingegangen? Deine ruhige Art passte nicht so recht in die rauschende Partyatmosphäre. Fast jeder tanzte und hatte Spaß. Du dagegen warst sehr vorsichtig in deinen Bewegungen. Wolltest du nicht tanzen? Deine Kleidung wirkte, wie du selbst, sehr unauffällig. Ich hatte nicht den Eindruck, dass du angesprochen werden wolltest.

Im Laufe des Abends haben wir uns kaum gesehen. Einmal begegneten wir uns in der Küche, als du dir ein alkoholfreies Getränk holen wolltest. Du warst so schnell weg, wie du gekommen bist. Ein Gespräch war nicht möglich. Ich habe dich im Laufe des Abends immer wieder auf der Couch sitzen sehen. Du saßt dort oftmals allein. Keiner wollte sich zu dir setzen – oder wolltest du nicht, dass sich jemand zu dir setzt?

Wie dem auch sei. Irgendwann war ich der Gespräche mit den anderen Partygästen überdrüssig. Die Themen wiederholten sich, die Witze wurden derber und die Wodkamischung in meinem Glas immer heller. Ich brauchte etwas Ruhe und sah dich auf der Couch an deiner Limo nippen. Ich nahm mir ein Herz und setzte mich zu dir. Du schautest mich etwas skeptisch an, so als wolltest du die Couch lieber für dich allein haben. Ich fühlte mich nicht willkommen und wollte schon wieder aufstehen, als du mir ein Lächeln schenktest.

Ich war gleichermaßen erfreut und überrascht. Du wolltest wissen, wie mir der Abend bisher gefiel. Woher ich die Gastgeberin kannte und was ich beruflich machte. Wir hatten uns noch nie zuvor getroffen und dennoch spürte ich eine Vertrautheit. Du warst mit deiner Aufmerksamkeit stets bei mir und hast dich nicht von der Party um uns herum ablenken lassen. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass du mir zuhörtest. Zu oft erlebte ich Gespräche, die durch ein Smartphone unterbrochen wurden. Der Blick war mehr auf das Display als auf mich, das Gegenüber, gerichtet. Bei dir war das anders. Du hast mich aussprechen lassen, warst geduldig und fragtest, ob du mir einen Impuls geben darfst. Wie lange haben wir uns unterhalten? Zwei bis drei Stunden? Ich weiß nur noch, dass wir zu den letzten Gästen gehörten, die gegangen sind. Dabei hatte ich anfangs nicht den Eindruck, dass du länger als eine Stunde auf der Party bleiben würdest.

Ich habe mich lange nicht mehr so gut mit einem Menschen unterhalten. Deine Lebensgeschichte berührte mich sehr. Deine Erzählungen waren von Bildern geprägt, die man nicht zeichnen kann. Du hast psychisch viel durchgemacht und dennoch nie den Mut verloren, dein Leben zu leben. Du hast den täglichen Kampf angenommen und dich immer wieder aufgerappelt. Du wusstest nicht, wer du bist, bis du erfahren hast, was dich von innen heraus antreibt. Du hast mir viel über – wie hieß das noch gleich – »intrinsische Motivation« erzählt. Davon hatte ich noch nie etwas gehört. Ich konnte dir nicht immer folgen. Ich hatte an dem Abend echt einen im Tee.

Tee ist ein schönes Stichwort. Deine Erfahrungen mit dem Teetrinken waren spannend zu hören. Erzähl mir bitte mehr darüber, wenn ich meine Kopfschmerzen überwunden habe. Dieser verdammte Alkohol. Ich fand es beeindruckend, wie du dem ganzen Alkohol widerstanden hast. Ehrlich. Ich meine, all die dummen Sprüche muss man erst mal aushalten. Du bist deinen Prinzipien treu geblieben.

Du hast Ruhe ausgestrahlt und du hast dich nicht mitreißen lassen. Du wusstest, was dir guttat und was nicht. Sich seiner selbst bewusst zu sein, muss eine großartige Erfahrung sein. Ich will das in Zukunft für mich selbst noch viel häufiger tun und freue mich auf unser Wiedersehen. Denn wenn ich ehrlich bin, warst du der einzige Gast, der mir nach der Party in Erinnerung geblieben ist. 

Du bist ein besonderer Mensch. 
Danke, Daniel.

Someone famous

Ungeachtet


Inspiriert durch eine Übung aus Bernhard Moestls Buch »Handeln wie ein Shaolin« bin ich mir in Gedanken gestern Abend zum ersten Mal selbst begegnet. In der Übung geht es darum, zu beschreiben, was einen bei dem Aufeinandertreffen mit sich selbst begeistert hat. Im Kern sollen wir uns frei von äußeren Einflüssen machen und uns selbst lieben lernen. 

Wir erlauben uns nicht den ehrlichen Blick auf uns selbst. Viel zu oft passiert es, dass wir die Meinungen unserer Mitmenschen vorwegschicken. Sie kommentieren und bewerten unser Leben und unser Verhalten. Was machen wir dann im Anschluss? Wir suchen nach Argumenten und wollen uns rechtfertigen. Wir wollen die Meinung der anderen nicht torpedieren und versuchen stattdessen einen Konsens zu finden. 

Wir wollen geliebt und geachtet werden, also passen wir uns den Vorstellungen unserer Mitmenschen an.

Someone famous

Was dabei vollkommen auf der Strecke bleibt, ist unsere Selbstachtung. Unsere eigene Wahrnehmung wird durch die Bewertungen von außen vernebelt. Wir verlieren den Überblick und wissen nicht mehr, wo der Weg ist, auf dem wir uns bereits befanden. Wir werden orientierungslos und bekommen Angst. Was, wenn die anderen doch recht haben? Was, wenn sie tatsächlich richtigliegen mit ihren Urteilen über mich und mein Verhalten? Es triggert uns ungemein, wenn andere Menschen über uns urteilen und wir selbst glauben, uns falsch einzuschätzen.

Uns, wie in der Übung von Bernhard Moestl beschrieben, einmal selbst zum ersten Mal zu begegnen macht uns frei von allen bisherigen Urteilen. Wir hinterfragen auf schonungslose Weise unsere eigenen Glaubenssätze und begeben uns in den ehrlichsten Zustand, den wir haben. 

Wir erkennen und anerkennen uns selbst.

Someone famous

Die Liebe zu sich selbst hat nichts mit Egoismus zu tun. Es geht darum, sich seiner eigenen Stärken bewusst zu werden. Wie verhalte ich mich? Was tue ich am liebsten? Was bereitet mir Stress? Die intrinsische Motivation hilft uns, unsere Selbstachtung zu wahren. Das Treffen mit mir selbst zeigt, dass ich nach Meinung Außenstehender nicht auf diese Party gehörte. Ich wirkte wie ein Fremdkörper. Ich passte nicht ins System.

Wenn ich mich – ungeachtet der Umgebung – als Individuum sehe und mich und mein Verhalten reflektiere, wird deutlich, warum ich nicht in diese Partyszenerie hineinpasste. Ich bin ein Mensch, der Ruhe und gute Gespräche schätzt. Das soll nicht heißen, dass man auf einer Party keine guten Gespräche führen kann. Es geht vielmehr um das Verständnis, dass diese Art der Zusammenkunft mich intrinsisch stresst. 

Was für andere Menschen die pure Erholung ist, ist für mich ein Ort des Unwohlseins. Mein Verhalten passt nicht in das Bild der anderen Menschen. Wenn ich auf eine Party komme, soll ich mich bitte schön amüsieren, etwas trinken und tanzen. Das ist nicht meine Art. Das steckt nicht in meiner DNA. Ich fühle mich einfach unwohl. Und dieses Unwohlsein wird gerne mit Distanz und Abneigung gleichgestellt.

Beachtet


Das Gespräch auf der Couch zeigt dann wiederum, was passiert, wenn mich jemand anspricht. Ich mache nicht gerne den ersten Schritt. Ich bin ein zurückgezogener Mensch, der gerne abwartet und schaut, was passiert. Wenn mich dann jemand anspricht, kann es passieren, dass ich nicht mehr aufhöre zu reden. Wirklich. Ich laufe dann richtig warm und kann mich vollkommen auf meine Gesprächspartnerin oder meinen Gesprächspartner einlassen. Wenn ich spüre, dass das Gespräch auf mehr als nur einer netten Geste basiert, entsteht daraus für mich eine tiefe Verbundenheit. Es entsteht eine Offenheit, die es mir ermöglicht, ehrlich über meine Gedanken und Gefühle zu reden. 

Warum soll es Themen geben, die nicht auf eine Party gehören? Wer definiert das? Wenn ich spüre, dass Kummer und Sorgen einen Dialog suchen, dann lasse ich es zu. Dann gebe ich mir und meinem Gegenüber das Vertrauen, sich aufeinander einzulassen. Offenheit kann aus meiner Sicht nur entstehen, wenn wir aufhören, uns gegenseitig zu bewerten. Wir beobachten und schaffen die Grundlage für Ehrlichkeit und Achtsamkeit.

Denn die Achtsamkeit sorgt dafür, dass wir uns länger als fünf Minuten auf ein Gespräch einlassen können. Wir akzeptieren die äußeren Umstände und klagen nicht. Wir blicken unserer Gesprächspartnerin oder unserem Gesprächspartner in die Augen und schauen nicht seitlich an ihr oder ihm vorbei. Wir lassen uns nicht ablenken und erhalten den Kontakt aufrecht. Überspitzt formuliert halten wir den Moment aus. Ein Moment, der unser Leben verändern kann, wenn wir ihn zulassen.

Ohne die Achtsamkeit beenden wir ein Gespräch oftmals voreilig und suchen uns eine neue Gelegenheit. Wir wollen im Leben nichts verpassen und suchen uns neue Menschen, mit denen wir reden wollen. Solch ein Verhalten zu unterbinden kann anfangs innerlich Stress auslösen. Durch mehr Achtsamkeit im Leben sind wir fähig, uns auf den Moment einzulassen und die Situation so anzunehmen, wie sie ist.

Wenn wir jedem Menschen in unserem Leben offen begegnen, lernen wir uns selbst zu achten und zu lieben.

Someone famous

Impulse für mehr Achtsamkeit


Achte dich selbst


Du hast nur einen Körper. Hör auf deine innere Stimme und handele nicht gegen deine eigenen Bedürfnisse. Ein liebevoller Umgang mit dir selbst stärkt dein Selbstbewusstsein und die Wirkung auf deine Mitmenschen.

Schätze dich selbst


Du besitzt keine Schwächen. Sei dir deiner Stärken bewusst und löse dich von den Meinungen der anderen. Deine inneren Kräfte sind einmalig und ein Segen für diese Welt. Nutze sie, um dir und anderen Menschen helfen zu können.

Liebe dich selbst 


Akzeptiere deinen Körper zu 100 Prozent. Gib dir selbst ein Like und sei dir klar darüber, dass du keine Schönheitsfehler besitzt. Du bist großartig, so wie du aussiehst. Die Liebe zu dir selbst ist die Grundlage für die Wertschätzung gegenüber anderen Menschen.